Saarinen

Hannes Saarinen, “Danzig und Karl XII. im Nordischen Krieg”, in “Bürgerstadt und absoluter Kriegsherr”, Finnische Historische Gesellschaft, Gefördert von der Copernicus-Vereinigung zur Pflege der Heimatkunde und Geschichte Westpreußens e.V., Münster/Westf., Helsinki 1996.

Pag. 209 (1703)

Außerdem hatten sich seine Offiziere, wie Dücker und Meijerfeldt, oft und lange in Danzig aufgehalten. Dennoch wäre ein Angriff auf Danzig ein unverhältnismäßig aufwendiger Kraftakt gewesen, der ihn von seinem eigentlichen Ziel abgehalten hätte. Das Einlenken der Danziger konnte Karl XII. nur willkommen sein.

Pag. 237 (juni 1704)

Nur das Meijerfeldtsche Regiment hielt sich noch im Danziger Werder auf. Danzig hatte sich schon im Februar bereiterklären müssen. an die tausend Pferde der Schweden in sein Werder aufzunehmen und sie für Geld “auszufüttern”. Als Meijerfeldt im Juli abmarschieren wollte. forderte er 200 mit je vier Pferden bespannte Wagen – ohne Entgelt -. um Proviant. Gewehre und Munition seines Regiments abtransportieren zu können. Die Stadt wollte den Bauern inihren Ländereien diese Requirierung nicht zumuten. aber die daraufhin gestellte Frage, ob Danzig vor Karl XII. die Verhinderung des Abmarsches verantworten könne. genügte. um den Rat zum Nachgeben zu veranlassen.

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Cuvpercrona richtete zunächst nicht viel aus (tegen de aanwezigheid van Woiwode von Marienburg Piotr Kczewski in Danzig – HvM). Wahrscheinlich scheute er sich, den Auftrag seines Königs in der gewünschten scharfen Form auszuführen, und er verließ sich zunächst darauf daß es dem schwedischenMajor Meijerfeldt, der sein Quartier in Dirschau hatte, gelingen würde den Woiwoden gefangen zu nehmen. Dazu mußte sich dieser allerdings aus der Stadt hinaus begeben.67 Innerhalb der Festungsmauern bot die Stadt durchaus einen Schutz, den die Schweden nicht ohne weiteres zu verletzen wagten. und gerade deshalb hielten sich ja viele Gegner der Schweden in Danzig auf. Inzwischen hatte sich noch einzweiter Magnat der Augustschen Partei, Fürst Jan Radziwill. Woiwod von Nowogrödek. aus einer der reichsten Familien Polens. Verwandt mit dem Kronschatzmeister Przebendowski und mit dem sächsischen Feldmarschall Flemming, in Danzig eingefunden. Beide wurden ständig. was immer sie unternahmen. im Auftrag der Schweden auch innerhalb der Stadtmauern observiert.68
67 Cuypercrona an Karl XII. vom 14./24.4.1705, RA Polonica vol. 260.
68 Meijerfeldt an Karl XII. am 12.%22.4.1705, RA Skrivelser till konungen. Karl XII:s tid. Ser. 1. Radziwill hatte sich schon im Herbst 1704 mit Przebendowski in Danzig getroffen. Als Przebendowski im November Danzig verließ. versuchten die Schweden ihn von Elbing aus zu kapern.

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So wie vor einigen Jahren Danzig Cuypercrona nicht ausgeliefert hatte. obwohl der eigene König es mit Nachdruck verlangte, so war es genauso konsequent. auch Kczewski und Radziwill nicht dieser Gefahr auszusetzen.94
94. Dieses Argument führte der Ratspräsident mehrmals an, zunächst gegenüber Piper (siehe oben), dann gegenüber Cuypercrona, der auf den Unterschied hinwies_ daß er akkreditiert gewesen sei, und später u.a. im Gespräch mit Meijerfeldt. Cuypercrona an Piper vom (12.) 22. 5. 1705, RA Polonica vol. 260; Meijerfeldt an Karl XII. vom (13.) 23.6. 1705, RA Skrivelser till konungen, Karl XII:s tid, Ser. I .

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Nun war zwar Karl XII. mit seinem Heer immer noch in Rawicz (Rawitsch) an der Grenze zu Schlesien, und damit recht weit von Danzig, aber er hatte in Dirschau und Umgebung seinen Generalmajor Meijerfeldt mit einigen Truppen zurückgelassen. Dieser bekam dann auch in viel drastischeren Ausdrücken die Meinung und Absicht seines Königs übermittelt. “Schepski und Radshvil” waren fir Karl XII. zur fixen Idee geworden, er müsse sie tot oder lebendig haben, und wenn die Stadt “quietschen” (pipa eller sjunga) würde. Karl XII. gab Anweisung. falls sich die Stadt gegen die Auslieferung wehre. daß dies ihr heimgezahlt werden müsse, indem alle Werder und Vorstädte abgebrannt werden sollten. Und nicht nur das: “Und soll die Stadt außerdem nachMöglichkeit abgesperrt werden, und es soll nicht dabei bleiben, sondern die Stadt muß danach angegriffen werden und dem Erdboden gleichgemacht werden.”97
Meijerfeldt, dem von seinem König schon früher ähnliche Aufgaben, u.a. gegen die Stadt Lublin, aufgetragen worden waren und der sich offenbar bewährt hatte.98 trug den ersten Teil seines Befehls am 22. Juni dem Ratspräsidenten vor. Er erfuhr zunächst einmal von diesem. daß dieser gehört habe, die Herren seien abgereist. Daraufhin berichtete der Generalmajor vom Zorn Karls XII. und von der an ihn ergangenen Order. in die (sic) Danziger Werder einzurücken, in denen er “sengen und brennen” sollte. Meijerfeldt ließ aber auch durchblicken. daß er versucht habe, seinen König von diesem Gedanken abzubringen.99 Den Ratsherren muß der Schrecken in die Glieder gefahren sein. Nach Cuvpercronas Informationen wurde der Ratsherr Hoppe sogleich nach Berlin abgefertigt. um dort Hilfe zu suchen.10° Aber den Schwedengegenüber zeigte sich Danzig zunächst noch standhaft.
Was Meijerfeldt und auch Cuypercrona mit der nächsten Post aus Danzig mitteilten, muß Karl XII. als eine schwere Niederlage empfunden haben. die er dann auf seine Weise mit noch gröberen Ausfällen gegen die Bürgerstadt beantwortete. Als Cuvpercrona Ende Juni im Rathaus vorgesprochen und nun schon zum wiederholten Mal die “Extradierung” der beiden Polen verlangt hatte. sagte auch ihm der Ratspräsident kurz und bündig, daß dies nicht ginge: “sindt schon beydeweg”.101 Offenbar hatte Kczewski Danzig schon vor einem knappen Monat Ende Mai, heimlich verlassen.’0′ Radziwill vor einer Woche (16.6.); jetzt bekamen die Schweden das Gerücht von offizieller Seite bestätigt.
Nach allem zu urteilen. war der Ratspräsident erleichtert, daß das Problem auf diese Weise eine Lösung gefunden hatte, aber er mußte dafür nun mit dem unbezähmbaren Zorn des schwedischen Königs über das Entweichen seiner Feinde rechnen. Als Meijerfeldt dem Ratspräsidenten Vorhaltungen machte und verlangte, daß die beiden Magnaten wieder nach Danzig beschafft werden müßten (er vermutete sie in einem Kloster), verwies dieser zunächst darauf; daß das unmöglichsei und vertröstete Meijerfeldt damit, daß nach Beratschlagung mit den anderen Ordnungen demnächst eine Supplique an den schwedischen König gerichtet würde. Eigentlich hatte ja Meijerfeldt den Befehl in der Hand, was jetzt mit Danzig zu geschehen habe, aber er zögerte noch. Seinem König schrieb er, daß er die Resolution des Rates und weitere Order seines Herrschers abwarten wolle.103 Die eine Resolution des Rats war, daß er sich, wie
97 Karl XII. an Meijerfeldt am ersten Pfingsttag (27.5. st.v.) 1705. in: Konung Karl XI:s egenhåndiga bref, S. 341-343. Auch an Cuypercrona wurde ein entsprechender Befehl gerichtet, der jedoch nicht erhalten ist, vielleicht auch gar nicht Cuypercrona erreicht hat. Die Kanzlei wurde hierbei umgangen. aber Hermelin hatte dennoch den Verdacht daß Karl XII. womöglich einen Angriffsbefehl abgeschickt hatte. Hermelin an Palmquist am 1.(10.)6.1705. RA Hollandica vol. 300. In keinem seiner Briefe vom Sommer 1705 bezieht sich Cuypercrona auf ein Schreiben Karls XII.
98 Bengtsson, S. 210.
99 “Recessus der Negotiation des H. General Major Meyerfelds, die extradition des Marienb. H. Woywoden Tczewski (sic) und des Fürsten Radzivils betreffende” (22.6.– 20.7.1705), fot. 532-536. AP 300.31’17. 100 Dies muß insgeheim geschehen sein, jedoch erfuhr Cuypercrona sehr bald davon. Cuvpercrona an Piper vom 14./24.6, 16./26.6. und 23.6./3.7.1705. RA Polonica vol. 260. Im letzten Brief heißt es aber, daß Hoppe gar nicht direkt nach Berlin gereist sei, sondern nach Zerbst.
101 Cuypercrona an Staatsrat Piper vom 14.(24.)6.1705. RA Polonica vol. 260.
102 Cuypercrona hat dies schon Anfang Juni seinem König berichtet (Backman S.171), aber dessen Brandschatzungsbefehl vom 5.6. st.n. war nicht erst durch diesen Bescheid verursacht, sondern vorher gefaßt worden. Kczewski kam wahrscheinlich noch einmal nach Danzig zurück und verließ die Stadt abermals Mitte Juni. Riese an Sehested vom 24.6.1705, KRA, Tyske Kancelli II, Danzig B 11.
103 Meijerfeldt an Karl XII vom 13.(23).6.1705, RA Skrivelser till konungen. Karl XII:s tid. Ser. 1.

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Abb. 19. Seite aus einem Brief des schwedischen Generalmajors Johan August Meijerfeldt vom 13/23. Juni 1705 aus Danzig an Karl XII., den dieser mit Zeichnungen kommentiert hat.

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Bei den mehrmaligen Treffen zwischen Ratspräsident, Cuypercrona und Meijerfeldt Ende Juni und Anfang Juli, bei denen Meijerfeldt nach eigenem Bekunden jenem “die Hölle heiß gemachet”, die Danziger es jedoch immer “auflß excusiren” anlegten,106 tauchte dann auch der Gedanke auf,. ob die Sache nicht durch Bezahlung einer Geldsumme an den schwedischen König beigelegt werden könne.107 In der Stadt kursierten Gerüchte von enormen Summen – bis zu 400 000 Talern -. die die Schweden, allen voran Cuypercrona und Meijerfeldt, verlangt hätten.108 Der Offizier Karls XII. daraufhin zur Rede gestellt, bezeichnete dies gekränkt als unwahr, “allermaßen sein König nicht einen Schilling verlangte, sondern nur bloß seine gloire suchte”.109
106 Meijerfeldt (Dirschau) an Karl XII. vom 18.(28).6.1705, RA Skrifvelser till Konungen, Karl XII:stid, Ser. 1.
107 Nach Gralath, Bd. 3, S. 243 stammte diese Idee “eines freiwilligen Geschenkes” von Meijerfeldt. Der Vorschlag, “daß dem König in (sic) Schweden zu besänfftigen, ein Don gratuit von E. Rath verschlagtet werden möchte”, kam aber von Piper. In einem Vermerk über ein Gespräch zwischen Meijerfeldt und dem Ratspräsidenten heißt es weiter, daß Meijerfeldt keine Order von Karl XII. besessen habe auch nur einen Taler von der Stadt zu fordern, jedoch zu verstehen gegeben habe, daß er “einige 100 000 Reichsthaler fordern wolle”. Vermerk vom 5.7.1705, fol. 543, AP 300,31/17; vgl. Piper an den Rat Danzigs vom 23.6.(3.7.)1705, AP 300,33/1056. Die Idee ist wohl so entstanden, daß der Ratspräsident eher zur Information die Schweden gefragt hatte, ob nicht hinter dieser Druckausübung wieder eine Geldforderung stünde, worauf Meijerfeldt dies zwar zurückwies, aber nun wußte, daß aus der Affäre gegebenenfalls Geld herauszuholen war. Meijerfeldt an Piper vom 18./28.1705. RA Kanslitjänstemäns ... vol. 100.
108 Die Schöffen verlangten eine Bestrafung der “frevelhafften leute“, die solche Reden beim Spaziergang vor dem Artushof zum besten gaben. RezeB der 2. Ordnung vom 13.7.1705, AP 300,10/58. Auch Cuypercrona berichtete von diesen Gerüchten und erwähnte die Summe von 400 000 Reichstalern. Cuypercrona an Karl XII. vom 16./ 26.6.1705, RA Polonica vol. 260. In einem späteren Brief bestritt er vehement Urheber dieser Forderung zu sein. Cuypercrona an Piper vom 17./27.7.1705, ebenda.
109 Vermerk über Gespräch zwischen Meijerfeldt und Ratspräsident vom 30.6.1705, fol. 542. AP 300,31/17.

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Meijerfeldt machte nun mit den Danzigern die gleichen Erfahrungen wie seinerzeit Stenbock. er kam und kam nicht voran und mußte deshalb um die Gnade seines Königs besorgt sein. Von Stenbock war keine Hilfe zu erwarten, denn Meijerfeldt steckte gerade in einem Prozeß mit ihm wegen einer internen Armeeangelegenheit.110
Während in der Stadt schon Gerüchte umliefen. daß Karl XII. Eine Bombardierung der Stadt vorbereite, erhielt Meijerfeldt eine neue scharfe Order aus Rawicz: Wenn die Stadt nicht sofort “ihrer Schuldigkeit” nachkomme und ihm die zwei Herren herbeischaffe. so müsse unverzüglich mit der Bestrafung begonnen und die Danziger “ruiniert” werden.111 Der Ratspräsident erfuhr von Meijerfeldt, mit welchen äußersten Konsequenzen die Stadt rechnen müsse, d.h. daß dieser “der Stadt Dorffschaften mit Feuer und Schwerdt anzugreifen” gedenke. Dies war der Zeitpunkt, als der Rat endlich die übrigen Ordnungen über die ganze Affäre informieren mußte, um einen Schluß zustande zu bringen.Die bisherige monatelange Geheimhaltung war allerdings von Cuypercrona und nicht allein vom Ratspräsidenten gewünscht worden. Der Resident hatte auch nicht verhehlt warum: damit die beiden Magnaten nicht vorgewarnt würden. Darauf hatte der Präsident allerdings erwidert, daß die Angelegenheit so wichtig sei, daß er es nicht verantworten könne, das “Secretum so genau” zu halten und wenigstens die Ratsherren ins Vertrauen ziehen müsse.112 Und inzwischen war in diesen Fall auch die dritte Ordnung eingeweiht worden. Die gemeinsame Beratschlagung hatte, im Vergleich zu den hektischen Sitzungen im Jahr zuvor, einen recht geruhsamen Verlauf.
Allerdings war schon seit Anfang Juli der Kriegsrat eingeschaltet worden,113 und dieser traf einige Vorsorge für die Verteidigung des Danziger Werders. Verglichen mit Karls XII. Angriffsbefehlen waren die Überlegungen der Danziger Ratsherren und Bürger völlig entgegengesetzter Art. Sie waren darauf bedacht, den Konflikt weitgehend zu vermeiden. Unmittelbar nördlich von Dirschau, wo Meijerfeldt stationiert war, wurden im ersten Danziger Dorf, in Güttland, Posten aufgestellt.Sie wurden angewiesen, den Schweden auch dann nicht mit Gewalt zu begegnen, falls diese sich nicht “mit guten Worten” abweisen ließen. Wenn sie dann “eingesickert” seien, solle man davon Meldung geben und “fernere Order” abwarten. Mehr Mannschaft wollte der Kriegsrat nicht in das Werder schicken lassen. Er warnte aber die Einsassen und das Danziger Fleischergewerk, daß diese wegen ihres Viehs Vorsorge treffen sollten, um es “bey Zeiten nach der Stadt in Sicherheit bringen zu können”.114
110 Meijerfeldt an Piper vom 25.6.(5.7.) und 30.6./11.7.(sic)1705, RA Kanslitjänstemäns ... vol. 100.
111 Karl XII. an Meijerfeldt am 20.(30).6. 1705, in: Konung Karl XII:s egenhändiga bref. S. 343.
112 Prop. des Rates vom 7.7.1705, AP 300.10/58; Vermerk über Gespräch zwischen Cuypercrona und dem Ratspräsidenten o.D. (Februar 1705), fol. 538, AP 300,31/17.
113 Cuypercrona berichtete in seinem Brief an Karl XII. vom 23.6./3.7.1705 (RA Polonica, vol. 261), daß der Danziger Kriegsrat täglich beisammen sei.

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Mittlerweile verschärfte sich die Situation fir Danzig aber doch erheblich. Meijerfeldt hatte am 7. Juli, nach seinem letzten Treffen mit dem Ratspräsideten, die Stadt unverzüglich verlassen, urn von Dirschau aus Anstalten für das Einrücken der Schweden in die Danziger Werder zu treffen. Aber er wollte dennoch, statt alles zu verbrennen und zu zerstören, seinem König die Möglichkeit offenlassen, aus der Affäre Geld herauszuschlagen. So meinte Meijerfeldt, wenn er sich in die Werder der Danziger einlogiere: “Sie werden ein ton goldeß geben. wen ich sie werde ängstigen durch den effect.” Er wollte aber einen neuen Befehl abwarten, falls er sich auf keine Geldvereinbarung einlassen solle.116 Meijerfeldts Vorsicht, “es nicht zu extremiteten” kommen zu lassen. war sicherlich auch im Sinne der schwedischen Kanzlei und beruhte wohl auch auf dem guten Einvernehmen zwischen ihm, Hermelin und Piper.117
Auch Cuypercrona, der sich Hermelin gegenüber beklagt hatte, wie nur Gott am besten wisse. “was fir beschwerden ich dieße letzte 5 Jahre gehabt habe 118 hatte dessen ungeachtet, was er von dem nicht ernst zu nehmenden Widerstand der Danziger berichtet hatte. Dennoch Bedenken, daß sich die Angelegenheit zu einem schwerwiegenden Konflikt ausweiten könnte. Cuvpercrona ließ durchblicken, daß Meijerfeldt der seiner Meinung nach sehr wohl darauf bestand. in die Werder einzuziehen. dies gar nicht durchzuführen brauche. da wie er erfahren habe, die Stadt bereits ein “sehr Submisses deprecations Schreiben” an Karl XII. verfaßt habe.119
Bevor dieses Schreiben an die Schweden abgefaßt wurde, war der Rat aber auch in anderer Richtung nicht müßig geblieben und hatte den holländischen Gesandten Haersolte und den englischen Gesandten Robinson über den Vorfall mit Meijerfeldt informiert. Auch Kardinal Radziejowski versprach. Danzig behilflich zu sein. Mit ihm wurde auch die Geldfrage erörtert. Er meinte- der Rat brauche nicht die von diesem inzwischen in Erwägung gezogenen 40 000 Reichstaler zu spendieren. sondern er selbst würde 60 000 Taler beschaffen, um Karl XII. zufriedenzustellen.120 Ob der Kardinal ein erfolgreicher Fürsprecher für Danzig bei Karl XII. hätte sein können. ist zu bezweifeln. da er sich stets bei endgültigen Entscheidungen sehr schwer tat. Er traute sich auch gar nicht mehr aus der Stadt heraus, weder zum Warschauer Reichstag noch zur späteren Krönung im September.121
Alle, auch der preußische Resident Rubach. mißbilligten die “Zumutungen” des schwedischen Königs. Robinson meinte. daß die Angelegenheit mit 50 bis 60 000 Reichstalern aus der Welt zu schaffen sei. Die Herren Gesandten waren sich allerdings nicht ganz einig, welche Summe nun die angemessenste wäre. Haersolte hätte lieber etwas mehrbezahlt. und Robinson war dann wieder pessimistisch, er könne Danzig höchstens 14 Tage Ruhe verschaffen. Robinson versprach sogar, in dieser heiklen Ehrensache zu vermitteln, da offenbar beide. und zwar “Rex Sueciae zu fordern. die Stadt zu bieten, sich schämeten”. Robinson hatte sehr wohl erkannt. daß es sich bei Karl XII. um seinen “point d’honneur” handelte.” 122
116 Meijerfeldt an Karl XII. (27.6)8.7.1705 (Dirschau), RA Skrivelser till konungen, Karl XII:s tid. Ser. I. (Hier wird, wie meist, von den Werdern im Plural gesprochen).
117 Meijerfeldt an Hermelin am (4.)14.7.1705, RA Kanslitjänstemäns koncept, Karl XII:s tid, vol. 80; Olsson, S. 386.
118 Cuypercrona an Hermelin vom 16./26.6.1705, RA Polonica vol. 260.
119 Cuvpercrona an Karl XII. vom 30.6./10.7.1705 (Postscriptum vom 1./11.7.), RA Polonica vol. 260.
120 ‘Recessus der Negotiation des H. General Major Meverfelds, die extradition des Marienb. H. Woywoden Tczewski (sic) und des Fürsten Radzivils betreffende’ (22.6.- 20.7.1705), fol. 532-536. AP 300.31/17.
121 Cuypercronas Bericht an Karl XII. vom 14./24.7.1705, RA Polonica vol. 260: G. Nordberg, Bd. 1, S. 619.
122 Vermerk über Gespräch zwischen Ratspräsident von Danzig und Robinson vom 10.7.1705, fol. 547r, AP 300,31/17.

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Hermelin ließ die Danziger “unter der Hand wissen”, daß alles gut verlaufen würde. wenn die Stadt eine einfache Entschuldigung ohne Nennung irgendwelcher Privilegien anbringe. Meijerfeldt, der offensichtlich dieser Bote war, bedeutete alsbald den Danzigern, daß sie sich statt auf ihre Privilegien “eintzig und allein auff Ihre M(ajestä)t gnade sich beruffen” und sich auch nicht einbilden sollten, daß er,Meijerfeldt, ihre vermeintlichen Privilegien irgendwie berücksichtigen würde.128 Meijerfeldt, der immer noch vergebens auf einen neuen Befehl seines Königs auf seine letzten Vorschläge wartete, bat nun Piper um Vermittlung bei Karl XII.: Er habe mit der Ausführung der Exekution bisher gezögert, weil zwar in “2 å 3 stunden alles verwüstet und ruiniret werden_ aber so balde nicht remediret” werden könne, es aber doch sicherlich im Interesse des Königs sei, sich aufdiese Weise nicht “die kommende subsistence” für die Armee zu nehmen.129 Meijerfeldt wußte aus Erfahrung sehr wohl Bescheid über die unterschiedliche Qualität von Quartieren, und er dachte schon an den nächsten Winter.130 Bessere Quartiere als das Danziger Werder waren in ganz Polen kaum zu finden.
128 Meijerfeldt an Hermelin am (7.).17.7.1705, RA Kanslitjänstemäns koncept, Karl XII:s tid. vol. 80.
129 Meijerfeldt an Piper vom 7./18.7.1705, RA Kanslitjänstemäns ... vol. 100.
130 Meijerfeldt an Piper vom 23.7/3.8.1705, RA Kanslitjänstemäns ... vol. 100.

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Meijerfeldt erhielt, nachdem man in Rawicz eine Woche vergebens auf eine neue, bessere Erklärung der Danziger gewartet hatte, Seine nächste Order. Sie war dem Inhalt nach ein von der Kanzlei aufgesetztes königliches Schreiben, woraus geschlossen werden kann, daß der vorsichtige Hermelin seinen König zu einem etwas behutsameren Vorgehen hatte veranlassen können. Für Danzig waren die Konsequenzen dieses Befehls allerdings schlimm genug: Da Danzig bisher noch keine befriedigende Abbitte für seine”Verbrechen und Vergehen”dem schwedischen König gesandt habe, würden Meijerfeldt mit seinem Regiment und Oberst Dücker mit seinen Dragonern in die Danziger Werder einrücken und dort ihren Unterhalt fordern. Das Militär wurde aber angewiesen, “keine weitere Feindseligkeit anzuwenden”, so lange ihnen kein Widerstand geleistet werde. Nur für den Fall, daß sich die Danziger wehren wurden, sollte Meijerfeldt zur “Exekution” schreiten, d.h. Kriegsmaßnahmen einleiten.132
132 Karl XII. an Meijerfeldt vom 13.(23.)7.1705 (Rawicz). RA Kungliga koncept vol 35; Hermelin an Palmquist am 15. (25.)7.1705. RA Hollandica vol. 300.

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Was der Rat unmittelbar versuchte, war mit Meijerfeldt zu verhandeln, aber vergebens. An zwei Tagen hintereinander war der Stadtsekretär bei Meijerfeldt gewesen, und hatte diesen gebeten, Seine Mannschaft aus Quadendorf zurückzuziehen. In diesem Dorf war es auch fast zu einem bewaffneten Zusammenstoß zwischen Einheimischen und den Schweden gekommen. Meijerfeldts Antwort war, daß er nichts ohne Befehl seines Königs täte, und “er hoffte auch nicht. Daß die Stadt mit einem glorieusen Könige, wegen einer solchen Kleinigkeit (weil er nur Subsistance vor die unterhabenden Völcker zu fordern beordert war) Krieg anzufangen, gemeinet sevn würde”.136 Den Danzigern ging es eigentlich mehr um die Sicherheit der eigentlichen Stadt. Deswegen wurden keine Schweden mehr ohne Pässe durch die Stadttore eingelassen. Mit Meijerfeldt konnte sogar verabredet werden. daß wenn schwedische Soldaten den Stadtposten zu nahe kämen. Sie von den Danzigern arrestiert werden konnten. Und wenn sie unter die “mousquetterie kämen”, so waren sie sogar “mit Gewalt und feuergeben abzuhalten.” 137 Die Stadt selbst wollten die Schweden auch gar nicht angreifen, das hätte zu großmachtpolitischen Verwicklungen geführt.
136 Aufz. des Danziger Stadtsekretärs vom 31.7.1705, fol. 556, AP 300,31 17.
137 Erörterungen des Danziger Kriegsrats vom 1.8. und 3.8.1705, AP 300.90/4.

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Was Cuypercrona über die Geldforderungen behauptet hatte, traf nicht zu. Die Schweden trieben sehr wohl Kontributionen ein. Meijerfeldt hatte es von Anfang an vorgehabt. Was half es den Danzigern, wenn sie den Generalmajor wegen seines “unbefugten Unternehmens” zur Rede stellten: er berief sich auf die Order seines Königs und ließ in den gesamten Danziger Ländereien Kontributionen für den Monat August einkassieren. Schon am zweiten Tag nach dem Einmarsch der Schweden konnte der Rat an einer von Meijerfeldt im Dorf Letzkau ausgegebenen Liste nachlesen, was Meijerfeldt alles an Proviantierung und Geld verlangte, und man kam zu dem Schluß. daß damit gut und gern 4000 Mann hätten unterhalten werden können.139 Meijerfeldt selbst hat sich damals damit gerechtfertigt, daß er nichts weiter “von den Landereyen begehret als die tägl(iche) Subsistence” und nicht einmal in Geld. sondern “in natura”. Da er somit nur den “noht wendigen unterhalt allein” wolle, verstünde er die gegen ihn bezeugte Hartnäckigkeit nicht. 140
139 Die Schweden forderten 8456 Pfund Brot, 8456 Pfund Fleisch, 2114 Pfund Speck 2114 Kannen Grütze. 4118 Kannen Bier. 6518 1/4 Last Heu. 783 34 Scheffel Hafer und 412 Gulden 24 Groschen Geld. Aufz. vom 31.7.1705. fol. 557. AP 300.31117. Als die Stadt nachrechnete, wieviel Soldaten Meijerfeldt hatte. kam sie auf nur 1777 Soldaten (ebenda. fol. 559-560).
140 Meijerfeldt an Piper vom 28.7.18.8.1705. RA Kanslitjänstemäns ... vol. 100.

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Aus allen Teilen Polens. auch aus Polnisch-Preußen, wurden die schwedischen Truppen zusammengezogen, um in Richtung Warschau zu ziehen, wo die Krönung Stanislaus’ stattfinden sollte. Am 22. August erreichte Meijerfeldt der diesbezügliche Befehl Karls XII. Vier Tage später brach er auf. um mit seinen 4 Dragonerregimentern über Thorn nach Warschau zu marschieren. Dieser Befehl enthielt kein Wort mehr über Danzig.148
So konnte Meijerfeldt dem Rat versprechen. daß seineSoldaten nicht auch noch den Winter dableiben wurden. womit die pessimistischen Danziger schon gerechnet hatten. Zum Schluß kam der Generalmajor dann noch zum Ratspräsidenten aufs Rathaus, um anzukündigen, daß der Rest der “schwedischen Milice” in zwei Tagen abziehen werde und um “sich endlich für gute bewirtung” zu bedanken.149 Meijerfeldt hatte noch zur Krönung von Stanislaus mit einem Mitreisenden. Dem Kardinalprimas Radziejowski, gerechnet, der aus Angst vor einer Kaperung durch sächsische Truppen sich gern unter den Schutz schwedischer Waffen gestellt hätte. Aber entweder, weil er seine Angst nicht überwinden konnte – in Danzig waren gerade in jenen Tagen an die fünfzig sächsische Soldaten_ mit falschen brandenburgischen Pässen ausgestattet, entdeckt worden, die es offenbar auf ihn abgesehen hatten -. oder weil er sich doch nicht fir Karls XII. Zwecke hergeben wollte, er blieb in der Stadt und verstarb bald darauf,, Anfang Oktober, in Danzig.150
Der Rat hat versucht penibel darüber Buch zu führen, was die Schweden in diesem August aus den Ländereien der Stadt eingetrieben hatten.153 Nach seinen Berechnungen waren es insgesamt 95 738 Gulden Kontributionen.154 Die Naturalverpflegung, die Bereitstellung von Podwoden (Wagen). die “Benehmung der Pferde” hatten aber auch viel Geld gekostet. allein im Werder wurde der hierdurch entstandene Schaden auf 107 675 Gulden beziffert.’155 Es gabdaher jede Menge Bittschriften. in denen geklagt wurde, was die Schweden alles eingetrieben und auf welche Weise sie es getan hatten.
148 Karl XII. an Meijerfeldt am 29.7. (7.8.) 1705, in: Konung Karl XII:s egenhändiga bref. S. 344.
149 Aufz. des Ratspräsidenten vom 14.8.1705. fol.573, Aulz. des Gesprächs zwischen Meijerfeldt und dem Ratspräsidenten 26.8.1705, fol. 588r, Bericht von der Lindes vom 31.8.1705. fol.581, AP 300,31/17; Cuypercrona an das Kanzleikollegium vom 16./26.8.1705, an Karl XII. vom 18./28.8.1705, RA Polonica vol. 260.
150 Cuypercrona an Karl XII. vom 22.8./1.9.1705 und 29.8./8.9.1705_ RA Polonica vol. 260; Radziejowski an Piper vom 21.8.1705. RA Kanslitjänstemäns … vol. 101: Cieslak 1986, S. 14; Karoljuk, S. 133.
153 Der Rezeß “Meverfeldsche Schwedische Contribution der Ländereyn d. ad 1705”. AP 300,31/17 enthält Quittungen Meijerfeldts über die “Subsistence-Gelder” und Dorf für Dorf aufgestellte Verzeichnisse was ihm bezahlt und an Nahrung “accordirt” worden ist.
154 Meijerfeldt hatte später Schwierigkeiten mit seinen Abrechnungen und bat Danzig nachträglich um einen Attest darüber, was er aus den Ländereien herausgeholt hatte. (Meijerfeldt an den Rat Danzigs vom 24.3.1706, AP 300,31/17) Die Aufidärung dieses sehr verwickelten Geschäfts nahm über ein Jahr in Anspruch. “Attestation wegen der Meijerfeldtschen Contribution”(von 1705) dat. 25.1.1707, Stadt Danzig an Meijerfeldt 25.1.1707, AP 300,27/100. Die Werderschen Einsassen zahlten 52 716 Gulden (50 Gulden pro Hufe), diejenigen Dörfer, die auf der Nehrung und in der Scharpau ohne Eiquartierung geblieben waren, muBten sich mit 72 Gulden pro Hufe freikaufen (Nehrung 19 430 Gulden, Scharpau 16 317 Gulden) Die Höhe bezahlte nach dieser Aufstellung 5875 Gulden (im Konzept fol. 627 waren es 14 004 Gulden), und dann war noch eine “gewiBe Figur’ von 1 400 Gulden (wohl an den General-major persönlich). Siehe auch Aufstellung im Brief Meijerfeldts an den Rat vom 30.12.1706. fol. 624 und Antwortkonzept fol. 628. AP 300.31/17. Die älteren Danziger Geschichtswerke erwähnen nur die Summe der Werderschen Einsascen, Gralath, Bd. 3, S.244, Lengnich, Bd. 9. S. 192. Nach Keyser, S.129 und der Historia Gdariska, Bd. III/1. S. 487 wurde von den Bauern eine Kontribution in einer Höhe von nur 50 000 Gulden erpreßt, was offensichtlich eine viel zu niedrige Zahl ist. Insgesamt erhielt das schwedisceh Generalkriegskommissariat aus Polnisch-Preußen und dem Ermland ab Ende 1704 bis August 1705 306 385 Taler Silbermünze. Grauers 1969b, S. 120.
155 “Was die Werderische Dörfer A° 1705 ohne die S. Excell. dem Hn Genral-Major Meyerfeldt gezahlete Contribution und veraccordirte Podwoden å 50 fl. von jeder Hube. damals noch absonderlich zahlen mirßen…..” 2.9.1706 fol. 613-615. AP 300.31/17.

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Die Standhaftigkeit Danzigs in der Affäre um die zwei polnischen Magnaten bezahlten schließlich die Bauern der Danziger Ländereien. Die völlige Zerstörung der Werder. wiesie Karl XII. anfangs als Bestrafungsmaßnahme befohlen hatte, war durch seine Kanzlei und wohl auch Meijerfeldt, der darauf aus war. Geld und Proviant für seine Truppen zu bekommen, in eine Besetzung umgewandelt worden, durch die Kontributionen eingetrieben werden konnten

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“Sie sind in solchen ängsten in Dantzig als sie jehmals gewesen’_ hatte Mitte Juli 1705 Generalmajor Meijerfeldt seinem König berichtet.1 Diese Ängste waren nach Abzug der Meijerfeldtschen Regimenter nicht verschwunden, denn sie beruhten auf der Unberechenbarkeit der militärischen Operationen in Polen und wurden nicht nur durch die Bewegungen der schwedischen, sondern ebenso durch die Vorstöße sächsischer und nun auch russischer Truppen verursacht.
1. Meijerfeldt an Karl XII. vom 7./18.7. 1705, RA Skrivelser till Konungen. Karl XII:s tid Ser. 1.

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Die neuen Universalien seien “unerträglich”: Was man Meijerfeldt bezahlt habe, habe man noch längst nicht verwunden, ebensowenig seien die wegen der schwedischen Truppen vor einigen Jahren vorgeschossenen 100 000 Reichstaler den Kreditoren zurückbezahlt.53
53 Stadt Danzig an Ekeblad vom 30.1.1708, an Karl XII.. an Stanislaus, an Piper und an Keckerbarth, alle vier vom 31.1.1708. AP 300, 27/101.